Die Diskussion über die Energiewende konzentriert sich häufig auf die Frage, wie günstig Wind- oder Solarstrom erzeugt werden kann. Tatsächlich sind beide Technologien heute bei den reinen Erzeugungskosten vielfach günstiger als neue fossile Kraftwerke. Die entscheidende wirtschaftliche Frage lautet jedoch inzwischen nicht mehr: Was kostet die Kilowattstunde aus einem Windrad oder einer Solaranlage? Sondern: Was kostet ein Stromsystem, das überwiegend aus wetterabhängigen Energiequellen besteht und dennoch jederzeit Versorgungssicherheit gewährleistet?
Der Strompreis, der häufig für Wind- und Solarstrom genannt wird, beschreibt lediglich die Kosten der Stromerzeugung. Die Kosten für das Energiesystem, das diesen Strom jederzeit verfügbar macht, werden darin nur teilweise oder gar nicht berücksichtigt. Diese Zusatzkosten tragen am Ende Stromkunden, Steuerzahler und Unternehmen – wie auch bei allen anderen Systemen der Stromerzeugung mit Kernkraft oder Kohle- und Gaskraftwerken.
Die Zahlen scheinen eindeutig: Strom aus modernen Photovoltaik-Freiflächenanlagen kostet heute je nach Standort lediglich rund 4 bis 7 Cent pro Kilowattstunde, Windenergie an Land etwa 4 bis 9 Cent. Damit gelten beide Technologien als die günstigsten Formen der Stromerzeugung in Deutschland. Das zeigt die aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE). Doch diese Werte beschreiben ausschließlich die sogenannten Stromgestehungskosten – also die Kosten der jeweiligen Anlage über ihre gesamte Lebensdauer. Sie beantworten nicht die Frage, was ein Stromsystem kostet, das jederzeit zuverlässig Strom liefern muss. (Fraunhofer ISE)
Genau an diesem Punkt setzt die Kritik zahlreicher Energieökonomen an. Die Stromgestehungskosten sagen nichts darüber aus, welche zusätzlichen Investitionen notwendig sind, damit ein Stromsystem mit einem hohen Anteil wetterabhängiger Erzeugung zuverlässig funktioniert. So weist etwa die Zeitschrift Wirtschaftsdienst darauf hin, dass Stromgestehungskosten kein geeigneter Maßstab sind, um die zukünftigen Gesamtkosten der Stromversorgung zu beurteilen. (Wirtschaftsdienst)
Das eigentliche Kraftwerk heißt Energiesystem
Windräder und Solaranlagen erzeugen Strom nur dann, wenn Wind weht oder die Sonne scheint. Damit Strom dennoch rund um die Uhr verfügbar bleibt, muss das gesamte Energiesystem erweitert werden.
Zu den wichtigsten Zusatzkosten gehören:
| Kostenbereich | Wer zahlt? |
| Ausbau der Übertragungs- und Verteilnetze | Stromkunden über Netzentgelte, teilweise Steuerzahler |
| Batteriespeicher | Investoren, später Stromkunden |
| Wasserstoffspeicher und Wasserstoffkraftwerke | Staat, Netzbetreiber, Industrie und langfristig Verbraucher |
| Reservekraftwerke für Dunkelflauten | Stromkunden und Steuerzahler |
| Redispatch und Netzstabilisierung | Stromkunden über Netzentgelte |
| Digitalisierung und Netzsteuerung | Netzbetreiber und Stromkunden |
| Teilweise Rückbau und Recycling | Betreiber, im Insolvenzfall gegebenenfalls Allgemeinheit |
Diese Kosten werden den einzelnen Wind- oder Solaranlagen in der Regel nicht zugerechnet. Sie entstehen jedoch, weil ein wetterabhängiges Stromsystem zusätzliche Infrastruktur benötigt.
Wie hoch sind diese Systemkosten?
Eine allgemein anerkannte Zahl gibt es bislang nicht. Verschiedene Studien kommen jedoch zu ähnlichen Größenordnungen.
Je höher der Anteil von Wind- und Solarstrom wird, desto stärker steigen die Anforderungen an Netze, Speicher und gesicherte Leistung. Für Deutschland werden häufig folgende Größenordnungen diskutiert:
| Anteil erneuerbarer Energien am Strommix | zusätzliche Systemkosten |
| 30–40 % | etwa 1–2 ct/kWh |
| 50–60 % | etwa 2–4 ct/kWh |
| 70–80 % | etwa 4–8 ct/kWh |
| nahezu 100 % | etwa 8–15 ct/kWh oder mehr |
Diese Werte stellen keine amtlichen Preise dar, sondern Modellrechnungen verschiedener wissenschaftlicher Arbeiten. Sie verdeutlichen jedoch, dass die Systemkosten mit wachsendem Anteil fluktuierender Erzeugung deutlich an Bedeutung gewinnen. (Wirtschaftsdienst)
Wer bezahlt am Ende?
Volkswirtschaftlich gibt es letztlich nur drei Zahler:
- Stromkunden über Netzentgelte und Strompreise,
- Steuerzahler über staatliche Förderprogramme und Infrastrukturinvestitionen,
- Unternehmen, die ihre höheren Energiekosten über Produktpreise an Verbraucher weitergeben.
Die Systemkosten verschwinden also nicht – sie werden lediglich auf verschiedene Finanzierungswege verteilt. Erst wenn Erzeugungs- und Systemkosten gemeinsam betrachtet werden, lässt sich beurteilen, welche volkswirtschaftlichen Kosten die Energiewende tatsächlich verursacht.
Teil 1/2: „Nordbayern holt bei der Energiewende auf – Erneuerbare Energien decken bereits 57 Prozent des Stromverbrauchs“ wurde am 14.7.2026 veröffentlicht.
Quellen
- Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE): Studie Stromgestehungskosten erneuerbare Energien, August 2024 – Vergleich der Stromgestehungskosten verschiedener Kraftwerkstechnologien. (Fraunhofer ISE)
- Wirtschaftsdienst – „Stromgestehungskosten von Erneuerbaren sind kein guter Indikator für zukünftige Stromkosten“ – Einordnung der Grenzen von Stromgestehungskosten als Maßstab für Gesamtkosten. (Wirtschaftsdienst)
- Fraunhofer ISE – Daten und Studien zu erneuerbaren Energien – Hintergrundinformationen zu Stromgestehungskosten und Energiesystemanalysen. (Fraunhofer ISE)
