Als das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld im Jahr 2015 vom Netz ging, verlor Nordbayern einen seiner wichtigsten Stromerzeuger. Jahrzehntelang hatte die Anlage einen erheblichen Teil des Strombedarfs in Franken und darüber hinaus gedeckt. Entsprechend groß waren die Sorgen, dass die Region künftig stärker auf Stromimporte angewiesen sein würde.
Rund zehn Jahre später zeigt sich ein differenziertes Bild: Die Abhängigkeit von Stromimporten ist nicht verschwunden, aber sie hat sich durch den massiven Ausbau erneuerbarer Energien deutlich verringert. Vor allem Windkraft und Photovoltaik haben die Stromerzeugung in Nordbayern grundlegend verändert. Während einzelne Regionen heute bereits einen Großteil ihres Strombedarfs selbst decken können, bleibt die Metropolregion Nürnberg aufgrund ihres hohen Verbrauchs weiterhin auf Stromlieferungen von außen angewiesen.
Oberfranken wird zur Energie-Region Frankens
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel in Oberfranken. Die Region erreicht inzwischen einen regenerativen Deckungsanteil von rund 67 Prozent und liegt damit deutlich über dem bayerischen Durchschnitt. Mit einem Stromverbrauch von rund 5,4 Terawattstunden und einer erneuerbaren Stromerzeugung von etwa 3,7 Terawattstunden nähert sich Oberfranken der rechnerischen Selbstversorgung an.
Treiber dieser Entwicklung ist vor allem die Windkraft. Oberfranken verfügt über den höchsten Windkraftanteil in Franken. Gleichzeitig haben Photovoltaik und Biomasse ihre Bedeutung kontinuierlich ausgebaut.
Mehrere Landkreise erzeugen inzwischen mehr Strom aus erneuerbaren Energien, als sie selbst verbrauchen. Besonders die Landkreise Bayreuth, Kulmbach, Hof und Wunsiedel gelten heute als Nettoexporteure von Ökostrom. Der Landkreis Bayreuth produziert mittlerweile sogar deutlich mehr erneuerbaren Strom als für die eigene Versorgung benötigt wird.
Damit hat sich Oberfranken von einer klassischen Industrie- und Mittelstandsregion zu einer der wichtigsten Stromerzeugungsregionen Bayerns entwickelt.
Unterfranken kompensiert einen Teil des Grafenrheinfeld-Verlustes
Noch bemerkenswerter erscheint die Entwicklung in Unterfranken. Dort hinterließ die Abschaltung des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld eine besonders große Lücke in der Strombilanz. Die Region verlor innerhalb kurzer Zeit einen bedeutenden Teil ihrer konventionellen Stromerzeugung.
Gleichzeitig setzte jedoch ein starker Ausbau erneuerbarer Energien ein. Heute erzeugt Unterfranken bereits mehr als vier Terawattstunden Strom aus erneuerbaren Quellen pro Jahr. Der Anteil am regionalen Stromverbrauch liegt bei rund 59 Prozent.
Besonders stark gewachsen sind die Photovoltaik auf Dächern und Freiflächen sowie die Windkraft. Die Höhenlagen der Rhön und des Spessarts gehören inzwischen zu den wichtigsten Windenergiestandorten Nordbayerns. Auch die Wasserkraft am Main trägt weiterhin einen relevanten Anteil zur Stromversorgung bei.
| Regierungsbezirk | Stromverbrauch (MWh) | Erneuerbare Stromerzeugung (MWh) | Regenerativer Deckungsanteil | ||
| Oberfranken |
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3.620.007 | 67 % | ||
| Unterfranken |
|
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60 % | ||
| Mittelfranken |
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4.075.014 | 49 %. | ||
| Gesamt | 20.709.380 | 11.839.769 | 57,2 % |
Quellen: Energie-Atlas Bayern, Regierungsbezirks-Steckbriefe Stromdaten 2023/2024, Ober-, Mittel und Unterfranken
Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung nach Energieträger (MWh)
| Energie | Oberfranken | Mittelfranken | Unterfranken |
| Wasserkraft | 172.492 | 61.619 | 658.702 |
| Windenergie | 1.292.745 | 1.077.415 | 1.062.433 |
| Photovoltaik | 1.503.864 | 1.725.535 | 1.915.900 |
| Biomasse | 650.905 | 1.210.445 | 507.712 |
Quellen: Energie-Atlas Bayern, Regierungsbezirks-Steckbriefe Stromdaten 2023/2024, Ober-, Mittel und Unterfranken
Interessant ist der Vergleich mit Oberfranken: Unterfranken erzeugt absolut sogar mehr erneuerbaren Strom als Oberfranken. Wegen des deutlich höheren Stromverbrauchs fällt der Deckungsgrad jedoch geringer aus. Der Abstand zwischen beiden Regionen ist damit wesentlich kleiner, als oft angenommen wird.
Mittelfranken bleibt die Verbrauchsregion
Eine Sonderrolle nimmt Mittelfranken ein. Die Metropolregion Nürnberg-Fürth-Erlangen bildet den wirtschaftlichen Schwerpunkt Nordbayerns und weist gleichzeitig den höchsten Stromverbrauch auf.
Zwar wurden auch hier Photovoltaik und Windkraft deutlich ausgebaut. Dennoch reicht die regionale Erzeugung bislang nicht aus, um den eigenen Bedarf zu decken. Mittelfranken bleibt deshalb der größte Stromimporteur Nordbayerns.
Die Ursache liegt weniger im mangelnden Ausbau erneuerbarer Energien als vielmehr in der Konzentration von Industrie, Dienstleistungen, Verkehr und Bevölkerung. Die Region benötigt deutlich mehr Strom als die ländlicher geprägten Nachbarregionen.
Nordbayern ist auf dem Weg zu mehr Eigenversorgung
Die Zahlen zeigen, dass die Energiewende in Franken messbare Auswirkungen auf die regionale Stromversorgung hat. Während die Region nach der Stilllegung von Grafenrheinfeld zunächst stärker auf externe Stromquellen angewiesen war, konnten Windkraft, Photovoltaik und Biomasse einen erheblichen Teil dieser Lücke schließen.
Von einer vollständigen Energieautarkie ist Nordbayern zwar noch entfernt. Dennoch hat sich die Versorgungssituation grundlegend verändert: Oberfranken nähert sich der rechnerischen Selbstversorgung, Unterfranken kompensiert einen großen Teil der weggefallenen Kernenergie, und selbst in Mittelfranken wächst der Anteil regional erzeugten Stroms kontinuierlich.
Die entscheidende Frage der kommenden Jahre lautet daher nicht mehr, ob die erneuerbaren Energien einen relevanten Beitrag leisten können. Vielmehr wird sich zeigen, ob ihr Ausbau schnell genug erfolgt, um den steigenden Strombedarf durch Elektromobilität, Wärmepumpen und Digitalisierung zu decken.
Der Folgebeitrag Teil 2/2: „Stromkunden und Steuerzahler finanzieren die Energiewende“ wird am 15. 7.2025 veröffentlicht.
