Die Zukunft der fränkischen Moore entscheidet sich weniger in den Hochmooren des Fichtelgebirges, sondern im Umgang mit den noch vorhandenen Niedermooren in den Tälern. Hier wird sich zeigen, ob es gelingt, Landwirtschaft, Wasserhaushalt und Klimaschutz neu miteinander zu verbinden. Gelingt dies nicht, verliert Nordbayern nicht nur besondere Lebensräume mit einer einzigartigen Artenvielfalt, sondern auch die wichtigsten natürlichen Verbündeten gegen Dürre, Hochwasser und den Klimawandel: Denn Moore speichern Wasser und binden Kohlendioxid. Und zugleich geht es auch um die Frage, welche Bausteine eines Ökosystems wir unseren Kindern hinterlassen wollen.
Wer heute über Moore spricht, denkt meist an die Hochmoore im Fichtelgebirge, im Frankenwald oder in der Rhön. Sie gelten als geheimnisvolle Landschaften mit Wollgras, Torfmoosen und anderen seltenen Pflanzen. Tatsächlich liegt jedoch die größere Herausforderung bei den Niedermooren in den Auentälern. Sie werden bereits über Jahrhunderte entwässert, in Äcker und Grünland umgewandelt und zählen heute zu den ertragreichsten landwirtschaftlichen Nutzflächen. Genau darin liegt das Problem!
Je stärker diese Moorböden entwässert werden, desto schneller zersetzt sich der Torf. Der Boden sackt langsam zusammen, verliert seine Fähigkeit, Wasser zu speichern. Langfristig zerstört die Landwirtschaft damit genau die Grundlage, von der sie lebt. Aus den fruchtbarsten Äckern werden so auf Dauer ertragsschwache Böden. Die Gefahr besteht konkret, dass der Flächenbedarf von Landwirtschaft und Siedlungswesen den Konflikt um Naturerhalt und Ressourcenschutz weiter verschärfen wird.
Moore sind eine Investition in die Zukunft
Die Diskussion über Moore wird häufig auf den Erhalt seltener Pflanzen oder Landschaftsbilder reduziert. Tatsächlich erfüllen sie jedoch Funktionen, die für die gesamte Gesellschaft von wachsender Bedeutung sind. Intakte Moore wirken wie riesige Schwämme. Sie nehmen bei starken Niederschlägen große Wassermengen auf und geben diese langsam wieder in das Grundwasser ab. Dadurch können sie Hochwasserspitzen dämpfen und gleichzeitig in Trockenzeiten Wasser in der Landschaft halten. Angesichts zunehmender Starkregen und längerer Dürreperioden gewinnen diese Eigenschaften erheblich an Bedeutung.
Hinzu kommt ihre Rolle als Kohlenstoffspeicher. Solange Torf dauerhaft unter Wasser steht, bleibt der darin gebundene Kohlenstoff erhalten. Wird ein Moor entwässert, oxidiert der Torf und setzt Kohlendioxid frei. Der Schutz von Mooren ist deshalb nicht nur Naturschutz, sondern aktiver Klimaschutz. Mindestens ebenso wichtig ist ihre Funktion als Lebensraum. Moore beherbergen hoch spezialisierte Pflanzen- und Tierarten, die außerhalb dieser extremen Standorte kaum überleben können. Gehen Moore verloren, verschwinden unwiederbringlich ganze Lebensgemeinschaften.
Warum Franken seine Moore verloren hat
Der Rückgang der Moore ist das Ergebnis jahrhundertelanger Nutzung. Moore galten lange Zeit als unproduktive Flächen, die entwässert und wirtschaftlich nutzbar gemacht werden sollten. Entwässerungsgräben senkten den Wasserstand, um Ackerbau, Grünland oder Forstwirtschaft zu ermöglichen.
Besonders die Niedermoore wurden großflächig trockengelegt. Hochmoore waren dagegen weniger gefährdet, weil ihre nährstoffarmen Böden wirtschaftlich kaum attraktiv waren. Dennoch wurden auch dort bis in die Nachkriegszeit Entwässerungsgräben vor allem zur Aufforstung mit Fichtenwäldern und zum Torfabbau angelegt.
Hochmoore: Ein Erfolg des Naturschutzes
Heute hat ein Umdenken eingesetzt. Die Renaturierung ist vergleichsweise einfach und kostengünstig: Vor allem die Bayerischen Staatsforsten haben vielerorts alte Entwässerungsgräben verschlossen, damit sich der natürliche Wasserhaushalt langsam regenerieren kann.
Der Autor: Stefan Weigl

Stefan Weigl, Jahrgang 1970, Studium „Landschaftsplanung“ an der Hochschule Weihenstephan. berufliche Stationen am Wasserwirtschaftsamt München (Gewässerentwicklung) sowie als Naturschutzreferent an den Unteren Naturschutzbehörden der Landratsämter Neumarkt i.d.OPf., Bamberg und Bayreuth. Aktuell schwerpunktmäßig zuständig bei der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt Bayreuth für das Fichtelgebirge mit Projekten zur Moorrenaturierung und zur Beweidung von Extensivgrünland.
So wurden auf großen Flächen Wasserstände wieder angehoben und Moorwälder vernässt. Dadurch entstehen langfristig wieder Lebensräume für seltene Arten wie Torfmoose, Rosmarinheide oder Spirkenwälder. Gleichzeitig verbessern sich Wasserrückhalt und Klimaschutz. Allerdings macht sich auch hier der Klimawandel bemerkbar. Selbst dort, wo Gräben erfolgreich geschlossen wurden, fehlt inzwischen teilweise schlicht das Wasser. Die Wiedervernässung stößt damit zunehmend an natürliche Grenzen. Dennoch ist die Entwicklung bei den Hochmooren positiv. Viele Flächen befinden sich im Eigentum der öffentlichen Hand, wodurch Renaturierungsmaßnahmen leichter umgesetzt werden können.
Das eigentliche Problem sind die Niedermoore
Weitaus schwieriger ist die Situation bei den Niedermooren. Diese Flächen sind meist in Privateigentum, werden landwirtschaftlich genutzt und gehören häufig zu den besten Böden einer Region. Genau deshalb sind freiwillige Verkäufe oder Renaturierungen selten. Gleichzeitig muss Renaturierung keineswegs das Ende der landwirtschaftlichen Nutzung bedeuten. Viele Flächen lassen sich weiterhin wirtschaftlich nutzen – allerdings in anderer Form, etwa durch sogenannte Paludikulturen mit Schilf, Binsen oder schnell wachsenden Gehölzen.
Eine Renaturierung vieler Niedermoore ist technisch einfach und kostengünstig. Die Hindernisse liegen nicht in der Umsetzung, sondern in den Eigentumsverhältnissen und Nutzungskonflikten. Das zeigt das Beispiel der von Entwässerungsgräben durchzogenen Niederung östlich von Speichersdorf: Grundstückseigentümer wurden angeschrieben, um Flächen für eine Wiedervernässung zu erwerben – nahezu ohne Erfolg
Heute wird Wasser durch Entwässerungsgräben weiterhin aus den Mooren abgeführt, um die Flächen bewirtschaften zu können. Morgen könnte dieselbe Landwirtschaft wegen zunehmender Trockenheit genau dieses Wasser dringend benötigen. Eine solche Entwicklung verschärft die Folgen des Klimawandels weiter. Die Herausforderung ist deshalb weniger eine technische als eine gesellschaftliche. Sie betrifft Landwirtschaft, Kommunen, Eigentümer und Politik gleichermaßen. Denn die Zukunft der Niedermoore entscheidet sich letztlich nicht im Moor selbst, sondern an der Frage, wie die knappe Ressource Wasser künftig genutzt wird und wie viel Wert der Erhalt dieser einzigartigen Landschaften für kommende Generationen besitzt.
Der entscheidende Konflikt besteht deshalb nicht zwischen Naturschutz und Landwirtschaft, sondern zwischen kurzfristiger Flächennutzung, Wasserrückhalt und langfristigem Erhalt der Bodenfruchtbarkeit. Denn entwässerte Moorböden verlieren mit jedem Jahr an Substanz. Langfristig zerstört die Landwirtschaft durch die Trockenlegung ihre eigene Produktionsgrundlage.
Ein Auftrag an die nächste Generation
Moore sind weit mehr als seltene Biotope. Sie sind natürliche Wasserspeicher, Klimaschützer und Lebensräume zugleich. Vor allem aber sind sie Orte, an denen Kinder Natur unmittelbar erleben können. Nur wer einen schwingenden Moorboden betreten, Torfmoose angefasst oder die besondere Pflanzen- und Tierwelt eines Moores erlebt hat, entwickelt ein Verständnis für deren Wert. Natur lässt sich nicht allein aus Schulbüchern vermitteln – sie muss erfahren werden. Auch gerade darin liegt eine weitere Bedeutung der Moore. Sie bewahren nicht nur Arten und Landschaften. Sie bewahren auch die Möglichkeit, kommenden Generationen zu zeigen, wie vielfältig Natur sein kann.
Quellen
- Bayerisches Landesamt für Umwelt
- Moore in Bayern
- Ökologische Funktionen der Moore
- Übersichtsmoorbodenkarte
- Bayerische Moorstrategie
https://www.lfu.bayern.de/natur/bayaz/moore/index.htm?utm_source
- Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft
- Informationen zu Moorbodenschutz
- Paludikultur
- Landwirtschaft auf Moorböden
(als fachliche Ergänzung)
https://www.lfl.bayern.de/verschiedenes/ueberuns/377664/index.php?utm_source
- Bayerisches Staatsministerium für Umwelt
- Klimaschützer Moore
- Interview Prof. Matthias Drösler
https://www.klima.bayern.de/klimawissen/wissenschaft_forschung/klimaschuetzer_moore.html?utm_source
- Biodiversität und Moorschutz:
https://www.lfu.bayern.de/natur/bayaz/moore/biodiversitaet_moorschutz/index.htm?utm_source
- LWF: Waldvernässung im Niedermoor – Potenzial für Klima, Moor und Wald
https://www.lwf.bayern.de/biodiversitaet/biologische-vielfalt/351661/index.php?utm_source
