Immer mehr ältere Hausärzte geben ihre Praxen auf – doch Nachfolger fehlen vielerorts. Gleichzeitig verändert sich die junge Ärztegeneration: Statt klassischer Einzelpraxis und 60-Stunden-Woche wünschen sich viele Ärztinnen und Ärzte feste Arbeitszeiten, Teamarbeit und Anstellung. Beim Vortrag von Oliver Legler und Nina Ratschker vom Kommunalbüro für ärztliche Versorgung beim Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) wurde deutlich: Der Ärztemangel auf dem Land ist längst auch ein tiefgreifender Strukturwandel der medizinischen Versorgung – mit direkten Folgen für Patienten, Gemeinden und die gesamte Versorgung im ländlichen Raum.
Der klassische Landarzt – mit eigener Praxis, ständiger Erreichbarkeit und jahrzehntelanger Bindung an seine Gemeinde – wird zunehmend zum Auslaufmodell. In Bayern verändert sich die ambulante medizinische Versorgung grundlegend. Nicht nur die Zahl älterer Ärzte wächst. Auch die Vorstellungen der jungen Ärztegeneration über Arbeit, Familie und Beruf haben sich stark verändert. „Junge Ärztinnen und Ärzte gehen gerne in die Anstellung“, sagte Ratschker. Besonders sichtbar wird dieser Wandel bei den Praxisformen. Zwar dominieren Einzelpraxen weiterhin die hausärztliche Versorgung. Doch Gemeinschaftspraxen und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) gewinnen immer stärker an Bedeutung. Während die Zahl klassischer Einzelpraxen mit einem einzelnen, selbständig tätigen Arzt sinkt, steigt die Zahl angestellter Ärzte deutlich an.
Die Zahlen verdeutlichen die Entwicklung: Mehr als 77 Prozent der neu in die Versorgung eintretenden Hausärzte entscheiden sich inzwischen für ein Angestelltenverhältnis statt für die Übernahme einer eigenen Praxis. Das verändert auch das Selbstverständnis des Berufs. „Wir diskutieren über Work-Life-Balance“, betont Ratschker. Viele junge Mediziner wollten heute „ganz anders arbeiten“ als ältere Ärztegenerationen. Statt des klassischen Einzelkämpfers suchen sie Teams, geregelte Arbeitszeiten und flexible Arbeitsmodelle.
Arztpraxis als Standortfaktor
Für die medizinische Versorgung auf dem Land hat dieser Wandel bereits heute spürbare Folgen. Viele ältere Hausärzte gehen in den Ruhestand, finden aber keine Nachfolger mehr für ihre Praxen. Bürgermeister kleiner Gemeinden würden sich deshalb häufig an das Kommunalbüro wenden, weil die Arztpraxis vor Ort wegzufallen drohe. Gerade in kleineren Orten gilt die Arztpraxis inzwischen als wichtiger Standortfaktor. Hinzu kommt: Die medizinische Versorgung wird zunehmend zentralisiert. Junge Ärzte bevorzugen größere Teams und moderne Arbeitsstrukturen. Gemeinschaftspraxen und MVZ entstehen deshalb häufiger in Mittelzentren oder stadtnahen Regionen als in kleinen Dörfern. Viele kleinere Einzelstandorte verlieren dadurch an Bedeutung. Für Patienten bedeutet das oft längere Wege zum Arzt, längere Wartezeiten und eine schlechtere Erreichbarkeit der Versorgung – besonders für ältere Menschen ohne Auto.
Auch die persönliche Beziehung zwischen Arzt und Patient verändert sich. Der traditionelle Hausarzt, der Familien oft über Jahrzehnte begleitet hat, wird seltener. Stattdessen behandeln heute häufiger größere Praxisteams oder wechselnde Ärzte innerhalb von Gemeinschaftspraxen und MVZ-Strukturen die Patienten. Gleichzeitig entstehen dadurch aber auch neue Möglichkeiten: längere Öffnungszeiten, moderne Technik und eine bessere Arbeitsteilung zwischen mehreren Ärzten und nicht-ärztlichem Fachpersonal.
Jeder 3.Arzt im Bayern ist heute über 60 und älter
Die Problemlage ist dabei komplexer als ein einfacher „Ärztemangel“. Legler spricht vielmehr von einer „doppelten Ungleichverteilung“. Einerseits fehlen z. B. Hausärzte besonders in bestimmten, meist ländlich geprägten Regionen. Während manche Regionen statistisch als „überversorgt“ gelten, droht anderen Gebieten Unterversorgung. Vor allem kleinere Gemeinden und ländliche Räume kämpfen darum, überhaupt noch Hausärzte zu gewinnen. Zusätzlich besteht eine generelle Ungleichverteilung zwischen den verschiedenen ärztlichen Fachrichtungen.
Hinzu kommt der demografische Wandel innerhalb der Ärzteschaft selbst. Mehr als jeder dritte ambulant tätige Arzt in Bayern ist inzwischen 60 Jahre oder älter. Bei den Hausärzten liegt der Anteil bei fast 35 Prozent. Einfluss auf die heutige Altersverteilung der Ärzteschaft hatten zudem unter anderem politische Entscheidungen aus den 1990er Jahren, als Studienplätze reduziert und Zulassungen begrenzt wurden.

Zwar gibt es statistisch teilweise sogar mehr Ärzte als früher, doch viele arbeiten in Teilzeit oder im Angestelltenverhältnis. Dadurch sinkt die tatsächliche verfügbare Arztzeit trotz steigender Kopfzahlen.
Zusätzliche Medizinstudienplätze für Landarztquote
Der Freistaat Bayern versucht inzwischen mit zahlreichen Maßnahmen gegenzusteuern. Zusätzliche Medizinstudienplätze wurden geschaffen – etwa am Medizin Campus Oberfranken. Außerdem wurden Lehrstühle für Allgemeinmedizin und spezielle Weiterbildungsangebote etabliert. Ein zentrales Instrument ist die Landarztquote. Bis zu acht Prozent der Medizinstudienplätze in Bayern werden an Bewerber vergeben, die sich verpflichten, später als Haus- oder Kinderarzt in (drohend) unterversorgten Regionen zu arbeiten. Die Abiturnote spielt dabei ausdrücklich keine entscheidende Rolle.
Nach Angaben des LGL studieren inzwischen mehr als 700 junge Menschen über diese Landarztquote Medizin. Der erste fertig ausgebildete Landarzt aus diesem Programm werde für das Jahr 2031 erwartet. Daneben setzt Bayern auf finanzielle Förderprogramme. Über die sogenannte Landarztprämie können Ärzte bei der Niederlassung, bei der Gründung von Medizinischen Versorgungszentren oder beim Aufbau von Zweigpraxen unterstützt werden. Möglich sind Zuschüsse von bis zu 60.000 Euro, bei Filialgründungen bis zu 15.000 Euro.
Auch Medizinstudenten erhalten Unterstützung. Wer sich verpflichtet, später im ländlichen Raum tätig zu werden, kann monatlich bis zu 600 Euro Stipendium erhalten – insgesamt bis zu 28.800 Euro. Zusätzlich fördert Bayern inzwischen sogar Studiengebühren für bestimmte Medizinstudiengänge im Ausland, wenn sich die Absolventen verpflichten, später im ländlichen Bayern zu arbeiten.
Selbst Kommunen werden inzwischen finanziell unterstützt. Kleine Gemeinden können Fördermittel von bis zu 150.000 Euro erhalten – etwa für Werbekampagnen, Mobilitätsangebote oder Maßnahmen zur Gewinnung von Ärzten.
Der Vortrag des LGL machte deutlich: Die medizinische Versorgung auf dem Land steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Nicht nur die Zahl der Ärzte entscheidet künftig über die Versorgungssicherheit, sondern auch die Frage, wie junge Mediziner arbeiten wollen. Der klassische Landarzt verliert an Bedeutung – kooperative Modelle, Gemeinschaftspraxen, medizinische Zentren und neue digitale Versorgungsformen werden zunehmend die Zukunft der Medizin im ländlichen Raum prägen.
Zu diesem Thema referierten vom Kommunalbüro für ärztliche Versorgung im Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) der Leiter Oliver Legler und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Nina Ratschker bei einer Veranstaltung des Bayerischen Landesamtes für Statistik: “Ambulante Gesundheitsversorgung in Bayern – Zahlen und Fakten aus der amtlichen Statistik“.
Kontakt:
Mail: Kommunalbuero-Gesundheit@lgl.bayern.
Webseite www.lgl.bayern.de/kb
