1618: Ende des 30jährigen Krieges. Mit dem Umbau von über 200 katholischen Gotteshäusern in Franken brechen die brandenburgischen Markgrafen als neue Landesherren mit der katholischen Tradition. Zur Verbreitung des evangelischen Glaubens sollen die Gläubigen sich in neuen Kirchenräumen zur Predigt versammeln und Schluss sein mit dem Mysterium der katholischen Messefeier. Wie kaum andere Orte zeigen die zu „Markgrafenkirchen“ umgebauten Gotteshäuser den Unterschied zwischen der „neuen“ lutherischen und der traditionellen katholischen Religion.
Mit dem Westfälischen Frieden 1618 bestimmt der Grundsatz „Cuius regio, eius religio“ die neue Politik im deutschen Reich. Einfach übersetzt bedeutet das: „Wem das Gebiet gehört, der entscheidet über die Religion seiner Untertanen“. Wie auf einen Flickenteppich liegen in Franken ab sofort die katholischen Pfarreien neben und zwischen den neuen Hoheitsgebieten der lutherischen Markgrafen. Die neuen Landesherren beginnen auch umgehend, die in ihrem Hoheitsgebiet vorhandenen katholischen Kirchen umzubauen und das religiöse Leben ihrer Untertanen nach reformierten Glaubensweltbild zu verändern. Um die alten Konflikte des 30jährigen Krieges nicht wieder neu zu entzünden, garantiert zugleich ein neues Auswanderungsrecht jedem Untertanen, seinen Wohnort zu verlassen und dorthin umzuziehen, wo sein Glaube eine Kirche findet.
Der Altar verliert an Bedeutung
Bei den katholischen Kirchbauten war der Chorraum mit dem Altar unter dem Kirchturm ein heiliger Ort. Dieser durfte nur von Priestern, Mönchen oder anderen geweihten Menschen betreten werden. Der Altarraum mit dem „Allerheiligsten“ im Tabernakel wurde häufig mit einer kleinen Mauer oder Balustrade vom restlichen Kirchenschiff getrennt und durfte vom gewöhnlichen Volk nicht betreten werden. Eine solche Trennung entspricht jedoch nicht dem theologischen Verständnis des evangelisch-lutherischen Glaubens, das keine Sonderstellung des Geistlichen kennt und seine räumliche Abtrennung von den Gläubigen ablehnt. Nach Auffassung der reformierten Christen soll die Kirche zu einem Ort werden, ein Saal sein, in dem die Gemeinschaft der Gläubigen sich versammelt, um das Wort Gottes zu hören. Nicht mehr das Feiern des „Gottesdienstes“ mit Gebeten auf Lateinisch – einer Sprache, die damals nur wenige verstehen – steht im Mittelpunkt der Feier, sondern vom einfachen Bauern bis zur adligen Herrschaft sollen alle gemeinsam die Verkündigung des Evangeliums hören. Im Mittelpunkt der Versammlung steht die Predigt und die Kanzel wird zum zentralen Ort des Kirchengebäudes,
Die Markgrafen beginnen in den übernommenen katholischen Kirchgebäuden den oft mächtigen Altar mit dem goldenen Tabernakel, das nach katholischer Auffassung das „Allerheiligste“ beherbergt, abzubauen und an diesem Ort eine Kanzel für die Predigt zu errichten. Der Altarraum dahinter wird jetzt als Sakristei oder Abstellkammer genutzt. Damit alle Gläubigen in der Kirche Platz finden, werden an den Seiten des Kirchenschiffs ein- bis zweistöckige Emporen eingebaut, auf denen die Männer Platz finden, während sich im Kirchenschiff die Frauen versammeln. Die Anordnung der Emporen wie die Ränge in einem Theater, zuweilen auch an allen vier Seiten des Kirchenraums, verstärken die Geschlossenheit des Raums und stärken das Gemeinschaftsgefühl. Alle Plätze blicken zur Kanzel und dem Prediger und alle Besucher sollen sitzen können, um entspannt der Verkündung des Wortes Gottes zu lauschen.
In der Vorstellung der Markgrafen sollen die umgebauten Kirchen einem himmlischen Thronsaal entsprechen: Wer die Kirche betritt, für den öffnete sich mit den gemalten Wolken und Gottes Hofstaat mit den Engelsfiguren an der Kirchendecke bereits auf Erden der Himmel, dem großen Ziel der irdischen Wallfahrt. Blumen und Früchte schmücken Kirchenwände und ranken sich an Decken und Säulen empor. Die Blumen erinnern an die menschliche Vergänglichkeit und die gemalten Früchte daran, dass Christen Früchte des Glaubens hervorbringen. Jesus hatte sagt, dass man einen guten Baum an seinen Früchten erkennen wird. Früchte und Blumen drücken auch Lebensfreude aus und erinnern an den Reichtum der Schöpfung Gottes. Zugleich sind sie ein Vorgeschmack auf die himmlische Herrlichkeit.
Aus den Ecken und Nischen und Seitenschiffen der katholischen Kirchbauten holten die reformierten Christen den Taufstein hervor und platzierten diesen wenn möglich zentral mitten im Kirchenraum. Die Taufe als Aufnahme in die Kirchengemeinde sollte vor aller Augen stattfinden und zugleich auch an die eigene Taufe erinnern. In der Markgrafenkirche in Köditz kommt ein Engel (über Seilzug) auf den Taufstein herunter, um mit der Taufe symbolisch den Himmel auf die Erde zu bringen. Wie das Abendmahl (Tut dies zu meinem Gedächtnis) hat auch die Taufe als Sakrament eine zentrale Botschaft bei den evangelischen Christen: “Geht in alle Welt“ In der Markgrafenkirchen in Weidenberg beobachten an die Kirchendecke aufgemalte Indianer die Taufe die Tauffeier.
Anders als in den katholischen Kirchen, in denen umrahmt von Figuren und Bildern gefolterter und getöteter Märtyrer in großen Bildern der Kreuzweg und damit vom Leiden und Tod als göttliches Opfer zur Erlösung der Menschen erzählt wird, ist in der evangelischen Kirche Christus jene Person, die die Erde mit dem Himmel verbindet und den Menschen durch sein Kreuz den Weg in den Himmel öffnet. Auch in den Figuren wird Christus anders als in den katholischen Kirchen weniger leidend dargestellt, sondern als stark und als Sieger über den Tod. Auferstehung und Hoffnung auf ein ewiges Leben ist die Botschaft der evangelischen Christen, mit denen sie sich von den katholischen Bildern voller Leiden, Schmerz, Sünde und Bestrafung lösen und zugleich abgrenzen wollen.
Das Kreuz wird zum Symbol des Sieges über den Tod
Zur Ausstattung der Markgrafenkirchen gehören in der Regel zwei Kreuze: Ein schlichtes Kreuz für Beerdigungen und für festliche Anlässe ein Kreuz, an dem nicht wie bisher ein leidender und schmerzerfüllter Christus hängt. Stattdessen begannen die Künstler, das Kreuz bunt zu gestalten und die gekreuzigte Christusfigur mit einem Strahlenkranz und Engeln zu schmücken. Solche Bilder stehen für den österlichen Sieg über den Tod. Das Kreuz ist nicht länger ein Symbol für das Leiden als Voraussetzung für den Eingang in das Himmelreich. Das Kreuz wird vielmehr zum Siegeszeichen über den ewigen Tod.
Auch in den Wandbildern tritt der Sieg über den Tod in den Vordergrund: Christus wird als stark dargestellt, er bringt die Hoffnung auf Auferstehung und das ewige Leben und der Glaube an ihn sperrt den Himmel auf. Die Gegenwart Gottes wird in den Markgrafenkirchen oft in Bildern mit dem dreieinigen Gott dargestellt. Das große Ziel der irdischen Wallfahrt bleibt der Himmel und der Heilige Geist hilft dabei, den Glauben an Christus zu wecken und zu stärken. Meist schwebt der Heilige Geist in Form einer Taube an der Kirchendecke oder schmückt die Kanzel. Sein Strahlenkranz ist göttliches Attribut und nicht etwa ein Heiligenschein. Der Heilige Geist ist die dritte Person der göttlichen Trinität mit Gott Vater und Jesus Christus. In dieser Trinität, so die Symbolik, ist der dreieinige Gott auch auf Erden gegenwärtig.
Während in katholischen Kirchen Gottvater zuweilen als alter weißer Herr mit Bart auf einem himmlischen Thron sitzend dargestellt wird, verwenden die Markgrafen häufiger dieses Dreieckssymbols für die Anwesenheit Gottes als eine personifizierte Darstellung. In diesem Dreieck befindet sich zuweilen auch das Auge Gottes. Dabei geht es weniger um göttliche Kontrolle, sondern eher um die Beziehung zwischen Gott und Mensch, denn jemanden in die Augen schauen spricht für eine ungestörte Beziehung. Zugleich will man sich mit dem Dreiecksbild und dem Bekenntnis zu dem dreieinigen Gotte bereits zur dieser Zeit -es ist auch die Zeit der Türkenkriege – von dem „Monotheismus“ des Islam abgrenzen. Und nach Auffassung der evangelische Christen entspricht das Dreiecksbild auch der Aufforderung des zweiten Gebotes: „Du sollst Dir kein Bildnis machen“.
Die Markgrafen wollen mit dem Umbau ihrer Kirchen, der neuen Anordnung des Kirchenraums und der Gestaltung von Wänden und Decken mit Bildern und Figuren einen Ort schaffen, in dem sich eine andere Welt öffnet – verbunden mit der Freude und Hoffnung auf ein gutes Ziel der irdischen Reise.
Denn Fernseher, die die Menschen in andere Welten entführen, gab es damals noch nicht.
