Wer sind eigentlich die Franken? Keinesfalls Bayern. Wenn ein Franke von „Idendidädd“ spricht, erntet er meist mehr Spott als Verständnis. Historisch kleinteilig gewachsen („fränkisch ist zänkisch“), ist diese Kleinteiligkeit einerseits eine Schwäche, andererseits auch eine Stärke, die sich in einer großen kulturellen Vielfalt der Lebensweisen wiederfindet. Das erschwert die Identitätssuche bis heute. „Franken ist kein flächenhafter Zustand“, beschreibt der Erlanger Landeskundler Professor Hartmut Heller die Region zwischen Altmühltal im Süden und Thüringen in Norden, „sondern eine Summe regionaler Binnendifferenzen“. Fränkischer Kommentar: „Ja mei“. Und wer fränkische Identität verstehen will, braucht Geduld: Der Franke erklärt sich nicht. Er ist einfach da. Still. Beobachtend. Und leicht skeptisch gegenüber allem Neuen wie auch gegenüber den Mächtigen.
Im frühen Mittelalter wurde Franken Teil des Fränkischen Reiches unter Karl dem Großen. Politisch bedeutend, kulturell prägend – emotional jedoch eher zurückhaltend. Schon damals galt: Macht ja, Pathos nein. Ab dem Mittelalter wurde Franken politisch zerteilt: Freie Reichsstädte wie Nürnberg, mächtige Bischöfe in Bamberg und Würzburg, dazu jede Menge kleinere Herrschaften – alle hatten etwas zu sagen, und genau deshalb hörte man niemandem so richtig zu. Das Ergebnis: frühe Selbstverwaltung, gesunde Skepsis gegenüber Autoritäten und ein fränkischer Instinkt, der bis heute zuverlässig anspringt, wenn jemand „von oben“ erklärt, wie es zu laufen hat.
Bauernkrieg: Geduld ist endlich
Im 16. Jahrhundert war jedoch die Geduld der Franken zu Ende. Franken wurde zu einem Zentrum des deutschen Bauernkriegs. Bauern forderten Rechte, Gerechtigkeit und weniger Willkür. Die fränkische Spezialität dabei: keine große Revolutionstheorie, sondern sehr konkrete Forderungen. Das Ergebnis war brutal. Die Forderungen wurden niedergeschlagen. Die Lehre blieb: Doch in Franken vergisst man nichts – man merkt es sich. Mit der Reformation nach dem Bauernkrieg wurde Franken religiös geteilt. Freie Reichsstädte wie Nürnberg wurden evangelisch, Bistümer wie Bamberg und Würzburg blieben katholisch. Bis heute ist Franken konfessionell gemischt – oft Dorf neben Dorf, manchmal Haus neben Haus. Das führte nicht zu ewigen Glaubenskriegen, sondern zu einer fränkischen Lösung: Man geht nebeneinander, diskutiert wenig, lebt trotzdem zusammen. Ökumenisch, bevor es modern war.
Denken, Rechnen, Erfinden – aber bitte ohne Show
Coburg wurde Königshaus, wenn auch in einem anderen Land, Würzburg zur Quelle des Frankenweins, Kulmbach nennt sich Bierstadt, in Bayreuth dirigierte Richard Wagner und Hof ist eh und je in Bayern ganz oben. Nürnberg wurde früh ein Zentrum für Technik, Mechanik und präzises Denken. Martin Behaim, Albrecht Dürer, Peter Henlein: Alle kein Zufall, Künstler, Mathematiker, Konstrukteure, Handwerker – Die Reichstadt als Handelsdrehscheibe verband Europas Norden mit dem Süden, den Osten mit dem Westen -ohne großes Aufheben. Doch man lernte voneinander und behielt, was nützlich war.
Mit Regiomontanus begann moderne Astronomie. Mit Georg Simon Ohm bekam der elektrische Widerstand eine Formel, die bis heute funktioniert. Keine Metapher. Kein Drama. Eine Gleichung. Bassd scho.
Die erste Eisenbahn. Natürlich hier.
In Oberfranken wurde bei Goldkronach Gold gefunden. In Main und Regnitz Flussperlen, begehrt bei den europäischen Höfen. Die Geologie bot Voraussetzungen für die Gründung von Glas-, Keramik- und Porzellanunternehmen. Die Paterl-Perlen wurden im Fichtelgebirge hergestellt, geschliffen und in Afrika, Südamerika und Asien zum Warentausch gebraucht. Man freute sich innerlich – und arbeitete weiter. Auch Alexander von Humboldt war hier, forschte im fränkischen Bergbau, dachte global und ging hinaus in die Welt. In Nürnberg fuhr die erste deutsche Eisenbahn nach Fürth. Technische Sensation. Fortschritt. Zukunft. Die Franken prüften, ob sie zuverlässig fährt. Tat sie. Thema abgeschlossen. Textilunternehmen aus Oberfranken galten bis vor wenigen Jahrzehnten noch weltweit als führend, bis Billigimporte sie vom Markt drängten.
Auch literarisch war Franken nie bequem. Jean Paul schrieb tiefgründig, witzig, verschachtelt – Texte, die man nicht überfliegt, sondern durcharbeitet. Wer ihn versteht, ist zufrieden. Wer nicht, sagt nichts. Beides ist fränkisch korrekt.
Franken hat der Welt Gold, Perlen, Wein, Wissenschaft, Technik, Literatur, Industrie, Eisenbahn und das Auto geliefert – ohne Pathos, ohne Lautstärke, ohne Ausrufezeichen. Oder, in der historisch anerkannten fränkischen Kurzfassung: „Bassd scho. Mehr Aufhebens wär übertrieben.“ Für Hitler war Nürnberg wichtig. Weil es Symbolkraft hatte: ehemalige Reichsstadt, Ort der Kaiser, vermeintliches „deutsches Herz“. Die Nationalsozialisten missbrauchten die Stadt für ihre Propaganda und Reichsparteitage. Franken selbst hatte daran nichts Romantisches gefunden. Es wurde benutzt. Punkt. Nach dem Krieg wurde Nürnberg erneut weltgeschichtlich relevant – diesmal aus gutem Grund. Bei den Nürnberger Prozesse wurde erstmals internationales Recht gegen Staatsverbrechen angewandt. Keine Rache. Rechtsprechung.
Nach 1945 prägten die Amerikaner Franken. Militär, Marshallplan, Wiederaufbau, neue Universitäten, neue Wirtschaft. Man brachte Demokratie, Jazz, Coca-Cola – und funktionierende Verwaltung. Franken nahm das auf wie alles Neue: prüfend, reserviert, dann dauerhaft. Lediglich den von den Amerikanern in die Küche und auf die Teller gebrachten Mais lehnten sie ab: Die Franken wollten kein Viehfutter zum Steak.
Franken gilt bis heute als Land der Erfinder und Tüftler. Nicht im Sinne von „Startup-Kultur“, sondern eher: „Des ham mir hald brauchd. Also ham mer’s g’machd.“ Hier sitzen große Unternehmen wie Siemens: Sie bauten Kraftwerke und Züge, entwickelten für die Medizin modernste Diagnosegeräte, im Volksmund auch Röhren genannt, lieferten Stahlwerke und Papierfabriken für die Welt: In Erlangen wurde das Geld verdient, dass die Konzernzentrale in München wieder ausgegeben hat. Unzählige mittelständische Betriebe, die Weltmarktführer in Nischen sind und von denen außerhalb der Branche niemand etwas gehört hat, prägen auch heute noch Industrie und Gewerbe in Franken: Sie produzieren hochpräzise Teile für Maschinen, von denen keiner weiß, wie sie heißen – aber ohne die nichts läuft.
Diese politische Zersplitterung förderte eine Mentalität, die bis heute wirkt: Misstrauen gegenüber Zentralgewalt, Stolz auf lokale Lösungen – und ein gesundes Desinteresse an großen Gesten. Der moderne Franke ist weltoffen, informiert und durchaus meinungsstark. Er sieht nur keinen Grund, das ständig zu betonen. Zufriedenheit äußert sich diskret. Kritik ebenfalls. Oder historisch korrekt formuliert: 1.500 Jahre Erfahrung sagen: Aufregen lohnt sich selten.
