Ritterturniere waren eine Domäne des Adels – und sie dienten weit mehr als bloßer „Belustigung“. Der Adel nutzte sie zur Demonstration von Macht, Rang und Leistungsfähigkeit. Wer im Sattel brillierte, bewies militärische Tauglichkeit, Reichtum und Stand. Der Sieg verschaffte Ruhm, stärkte die eigene Position innerhalb der Ritterschaft und konnte politische Bündnisse begünstigen. Teil nahmen vor allem Ritter, Grafen, Freiherren und Fürsten – oft mit großem Gefolge aus Knechten, Knappen und Bediensteten. Bei einem Turnier 1197 auf dem Nürnberger Marktplatz sollen 49 Fürsten, Grafen oder Freiherren erschienen sein; 1532 folgten 620 „Helme“ dem Ruf der Herolde. Turniere waren damit nicht nur sportlicher Wettstreit, sondern Bühne aristokratischer Selbstinszenierung.
In Franken entwickelten sich Turniere seit dem 12. Jahrhundert in zunehmender Zahl. Im 15. Jahrhundert erreichten sie ihren Höhepunkt. Eine Turnierordnung von 1478 nennt Bamberg, Würzburg, Nürnberg und Schweinfurt als bedeutende Veranstaltungsorte. Ausgetragen wurden die Spektakel auf Marktplätzen, vor Burgen oder auf Gutshöfen – die „Stadien“ jener Zeit. Veranstalter waren in der Regel adelige Herrschaften oder reichsstädtische Eliten, mitunter auch im Rahmen fürstlicher Hochzeiten oder kaiserlicher Besuche. 1452 etwa ließ Herzog Ludwig anlässlich seiner Hochzeit ein viertägiges Fest mit zwei Turnieren ausrichten. 625 Herren nahmen teil, jeder mit großem Gefolge; „man gab jedermann Futter und Mahl“, berichtet eine Chronik. Der Umfang dieser Veranstaltungen war enorm: 1482 erschienen Teilnehmer auf 4262 Pferden. Turniere dauerten zwei Tage (1197), vier Tage (1452) oder sogar eine ganze Woche (1532). Die Ausrichtung war kostspielig – nicht selten ruinös für den Gastgeber.
Wettkampfstärke:Beherrschung des Pferdes
Der Ablauf war streng geregelt. Turniervögte wachten über Einhaltung der Ordnung, eine Kleiderordnung untersagte übermäßigen Prunk aus Samt, Seide oder Goldschmuck. Unterschieden wurde zwischen Einzel- und Gruppenkämpfen. In der Hochphase dominierte das Lanzenstechen: Zwei Ritter ritten im vollen Galopp gegeneinander, die Lanze im Anschlag. Ziel war es, die gegnerische Lanze zu brechen oder den Gegner aus dem Sattel zu heben. Der sportliche Höhepunkt war das „Rennen“ oder „Stechen“. Daneben gab es Gruppengefechte – Mêlées – sowie später Kämpfe mit Schwert und Dolch. Die Beherrschung des Pferdes galt als Kernkompetenz. Trotz aller Regeln blieb das Risiko real: Der französische König Heinrich II. starb 1559 an den Folgen eines Lanzensplitters im Auge – ein mahnendes Beispiel für die Gefahren dieser Kampfspiele.
Die Sieger erhielten keine Medaillen, sondern Ehrenpreise von erheblichem Wert. Schmuckstücke, goldene Ketten oder – in manchen Fällen – Rechte und Einkünfte aus Gütern wechselten den Besitzer. Für einzelne Ritter konnte ein Turniersieg zur „Quelle von Reichtümern“ werden. Noch wichtiger aber war der immaterielle Gewinn: Ehre, Ansehen, bessere Heiratschancen. Turniere galten nicht umsonst als Heiratsmärkte, denn im Gefolge der Ritter reisten häufig unverheiratete Frauen mit.
Spiele für das Volk
Gefeiert wurde ausgiebig. Turniere waren Feste mit Musik, Banketten und reichlich Wein. 1491 sollen bei einem Nürnberger Turnier 218 Eimer Frankenwein konsumiert worden sein. Zeitgenossen beschrieben die Atmosphäre als überwältigend: „Alle Gassen voll mit Ritterspiel, mit stechen, rennen, fechten, turnieren“, heißt es über ein Ereignis von 1361. Die Bevölkerung strömte herbei, um dem Spektakel beizuwohnen. Die Turniere boten Ablenkung vom oft harten Alltag – und stehen im Kontrast zu dem düsteren Bild, das man heute vom Mittelalter zeichnet.
Wer waren diese Zuschauer? Neben dem Hochadel kamen niedere Adlige, städtische Eliten, Handwerker, Händler und einfache Bürger. Herolde luden in allen Teilen des Reichs zur Teilnahme ein; die Anreise erfolgte teils über weite Strecken. Aktive Teilnehmer waren Ritter und ihr Gefolge, passive Zuschauer die gesamte städtische Öffentlichkeit. Turniere waren überregionale Ereignisse, die Menschen aus Franken, Bayern, Schwaben oder dem Rheinland anzogen.
Aufschwung für die Wirtschaft
Mit dem Turnier war ein bedeutendes Geschäft verbunden. Wirte, Pferdehändler, Schneider, Schmiede, Weinhändler und Marktleute profitierten. Tausende Pferde mussten versorgt, Gäste untergebracht, Mahlzeiten bereitgestellt werden. Die Umsätze waren erheblich. Turniere waren Wirtschaftsfaktor und kulturelles Großereignis zugleich – eine Mischung aus Militärtraining, Sportwettkampf, Volksfest, Heiratsbörse und Handelsmesse.
Ritterturniere in Franken waren somit mehr als romantische Episoden. Sie waren Ausdruck einer sozialen Ordnung, in der der Adel seine Stellung öffentlich inszenierte, seine Netzwerke pflegte und seine Kampfkraft demonstrierte. Sie verbanden Kriegsspiel und Festkultur, Prestige und Profit, Ehre und Unterhaltung – und machten die Marktplätze Frankens für wenige Tage zu Bühnen eines spektakulären mittelalterlichen Massenevents.
