Die Entwicklung in Ober-, Mittel- und Unterfranken zeigt deutlich: Die Beschäftigung wächst, doch das Arbeitsvolumen pro Kopf sinkt. Hauptgrund ist der starke Anstieg der Teilzeit – vor allem bei Frauen. Wer daraus den Schluss zieht, Teilzeit einzuschränken, greift zu kurz. Stattdessen braucht es vollzeitnahe Teilzeitmodelle mit 25 bis 35 Wochenstunden, flexible Zeiten und Rückkehrrechte. Zudem sollten Fehlanreize wie Ehegattensplitting und Minijobs reformiert sowie die Kinderbetreuung ausgebaut werden. So kann das Arbeitsvolumen steigen, ohne Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gefährden.
Zwischen 2015 und 2023 ist die Zahl der Beschäftigten in den drei fränkischen Regierungsbezirken um rund fünf Prozent gestiegen – von 2,29 auf 2,41 Millionen. Besonders stark fiel das Wachstum in Mittelfranken aus (+6,3 Prozent), gefolgt von Unterfranken (+4,9 Prozent) und Oberfranken (+2,6 Prozent). Gleichzeitig sank jedoch das Arbeitsvolumen leicht um 1,3 Prozent. Die durchschnittliche Jahresarbeitszeit pro Beschäftigten ging von 1.338 auf 1.300 Stunden zurück.
Warum ein Verbot oder eine Einschränkung von Teilzeit nicht hilft
Angesichts des demografischen Wandels wird immer häufiger gefordert, die Arbeitszeit auszuweiten oder das Recht auf Teilzeit einzuschränken. Doch internationale Erfahrungen – etwa aus Frankreich – zeigen: Restriktive Regeln können dazu führen, dass weniger und nicht mehr Menschen arbeiten. Gerade Frauen mit Betreuungsverantwortung würden bei fehlender Flexibilität ihre Erwerbstätigkeit eher reduzieren oder ganz aufgeben. Damit gingen Qualifikationen verloren, die bereits aufgebaut wurden.
Teilzeit ist weiblich – und oft unverzichtbar
Teilzeit ist kein Randphänomen, sondern Realität für viele Familien. Bundes- und landesweit arbeitet rund jede zweite erwerbstätige Frau in Teilzeit, bei Männern ist es nur etwa jeder achte. Auch in Franken dürfte das Verhältnis ähnlich sein.
Fehlanreize abbauen
Ein weiterer Hebel liegt im Abbau von Fehlanreizen, die eine Ausweitung der Arbeitszeit unattraktiv machen. Das Ehegattensplitting begünstigt Haushalte mit einem Allein- oder Hauptverdiener. Für Zweitverdienende – häufig Frauen – lohnt sich eine Stundenerhöhung oft nur begrenzt, da ein erheblicher Teil des zusätzlichen Einkommens steuerlich abgeschöpft wird. Minijobregelungen setzen Anreize, unterhalb bestimmter Einkommensgrenzen zu bleiben. Der Sprung in reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erscheint vielen finanziell wenig attraktiv. Auch hohe Abzüge können dazu führen, dass zusätzliche Arbeitsstunden netto kaum spürbar sind. Hier braucht es Reformen, die Mehrarbeit tatsächlich belohnen – insbesondere für Mütter in der Phase nach der Familiengründung.
Der starke Anstieg der Teilzeit hängt eng mit der gestiegenen Erwerbsbeteiligung von Frauen zusammen. Viele Mütter bleiben heute im Beruf, statt mehrere Jahre vollständig auszusteigen – ein enormer Fortschritt gegenüber früheren Jahrzehnten. Teilzeit bedeutet in diesem Zusammenhang gerade für Frauen die Sicherung beruflicher Qualifikation. Sie sichern damit ihre Aufstiegsperspektiven und vermeiden zugleich längere Erwerbsunterbrechungen wegen Kindern und Familie und sie bleiben eigenständige in ihrer sozialen Absicherung.
Der bessere Weg: Vollzeitnahe Modelle
Statt Teilzeit zu begrenzen, sollte diese klug weiterentwickelt werden. Ein zentraler Ansatz sind sogenannte vollzeitnahe Modelle. Wie sehen solche Modelle konkret aus? Beide Elternteile arbeiten zwischen 25 und 35 Stunden pro Woche. Die Arbeitszeiten sind planbar und möglichst flexibel gestaltbar. Arbeitszeitkonten ermöglichen temporäre Anpassungen. Führung in Teilzeit oder Tandemmodelle werden systematisch ermöglicht. Rückkehrrechte auf höhere Stundenumfänge sind verbindlich geregelt. Ein solches Modell verteilt Sorgearbeit gerechter zwischen Männern und Frauen. Wenn beide Elternteile reduziert arbeiten, sinkt das Risiko, dass ein Elternteil – meist die Mutter – dauerhaft in einer „Teilzeitfalle“ verbleibt. Studien zeigen: Besonders stabil sind Erwerbsbiografien dort, wo Mütter frühzeitig in einem Umfang von mindestens 25–30 Stunden tätig sind. Das sichert Qualifikation, Einkommen und spätere Rentenansprüche besser als geringfügige oder sehr niedrige Teilzeit.
Der entscheidende Faktor: Betreuung
Keine Maßnahme ist jedoch so wirkungsvoll wie eine verlässliche, qualitativ hochwertige Betreuungsinfrastruktur. Eine bessere Betreuung ermöglicht planbare Arbeitszeiten, reduziert unfreiwillige Teilzeit, erleichtert die Ausweitung von Stunden, verbessert die Rückkehr in Vollzeit und stärkt langfristige Erwerbsbiografien von Frauen. Gerade Ganztagsangebote in Kitas und Schulen sowie flexible Randzeitenbetreuung spielen hier eine zentrale Rolle. Ohne ausreichende Betreuung bleibt jede arbeitsmarktpolitische Debatte über längere Arbeitszeiten theoretisch.
Zwischen Wohlstandssicherung und Gleichstellung
Die fränkischen Zahlen zeigen ein doppeltes Bild: Mehr Menschen denn je sind erwerbstätig – ein Erfolg. Gleichzeitig sinkt die durchschnittliche Arbeitszeit pro Kopf – eine Herausforderung angesichts des Fachkräftemangels. Doch die Lösung liegt nicht in weniger Flexibilität, sondern in besserer Struktur: Teilzeit darf keine Sackgasse sein. Arbeitszeitmodelle müssen partnerschaftlich gedacht werden. Betreuung muss verlässlich ausgebaut werden. Fehlanreize gehören auf den Prüfstand. Wenn es gelingt, Frauen dauerhaft und in substanziellem Umfang im Arbeitsmarkt zu halten, bleibt nicht nur ihre Qualifikation erhalten – auch das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen kann steigen. Teilzeit ist daher nicht das Problem. Sie ist – richtig gestaltet – ein zentraler Bestandteil der Lösung.
Quellen
- Forum, 20.2.2026: Wir müssen in Deutschland unterm Strich mehr arbeiten – die gesetzliche Einschränkung des Teilzeitanspruchs ist dafür der falsche Weg;
https://iab-forum.de/wir-muessen-in-deutschland-unterm-strich-mehr-arbeiten-die-gesetzliche-einschraenkung-des-teilzeitanspruchs-ist-dafuer-der-falsche-weg/ - Landesamt für Statistik, Sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitnehmer in Bayern, Beschäftigungsstatistik — Statistik. Statistisches Jahrbuch für Bayern.
