Während Politik und Arbeitgeber eine längere Lebensarbeitszeit fordern, finanziert die Deutsche Rentenversicherung Nordbayern mit über 750 Mio. Euro jährlich den Arbeitsplatzabbau in den drei fränkischen Regierungsbezirken. Tendenz steigend: 2020 gingen rund 14.200 Menschen in den Vorruhestand, 2023 waren es bereits 16.830 von insgesamt 39.144 neuen Rentenanträgen.
Die Zahlen stammen aus dem DGB-Rentenreport Bayern, der sich auf die Daten der Deutschen Rentenversicherung stützt. Diese Entwicklung belastet die Rentenversicherung auf zweierlei Arten: Zum einen durch die nicht geplante vorzeitige Auszahlung der Rente, zum anderen durch geringere Beitragseinnahmen, wenn Personen früher als geplant aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Auch die bundesweiten Zahlen bestätigen den Trend in Franken: 2023 gingen 412.000 Männer und Frauen (43,3 Prozent aller neuen Altersrenten) bereits 2,7 Jahre vor Beginn deren Regelaltersrente in den Ruhestand. Bei einer Rente von durchschnittlich 1.394 Euro im Monat eine Mehrbelastung für die Rentenversicherung von 11,9 Mrd. Euro jährlich.
Bis 2031 wird das gesetzliche Rentenalter schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. Weiterhin ist nach 35 Versicherungsjahren in der Regel ab 63 die frühzeitige Altersrente (Vorruhestand) möglich. Ein Blick in die Rentenversicherungstabellen zeigt, dass von den neu eingereichten Rentenanträgen gut jede zweite Arbeitnehmerin und jeder zweite Arbeitnehmer mit Abschlägen vorzeitig in den Ruhestand geht.
Anders als die Rente entwickelt sich der Vorruhestand damit stärker zum rentenpolitischen Normalfall, der zugleich auch die demografische Belastung der Rentenversicherung weiter verstärkt. Treibende Kraft für diese Entwicklung ist der Arbeitsmarkt: Denn nicht immer gehen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer freiwillig in den Vorruhestand. Sie scheiden häufig – hierfür gibt es keine Statistiken – „im gegenseitigen Einverständnis“ aus dem Unternehmen aus: Der Arbeitgeber will den Arbeitsplatz abbauen und sich teure Kündigungen ersparen, während Arbeitnehmer im Alter wenig Bereitschaft zeigen, nochmals neu anzufangen. Der Vorruhestand wird damit zur Brücke zwischen Erwerbsleben und Rentensystem, wobei der Beschäftigungsabbau nicht über den Arbeitsmarkt, sondern über den Rentenübergang erfolgt.
Der Vorruhestand wirkt als institutionalisierter Kündigungsersatz.
Aus Unternehmensperspektive dient der Vorruhestand vor allem dem sozialverträglichen Abbau von Beschäftigung ohne betriebsbedingte Kündigungen. Die Kosten der Anpassung werden dabei teilweise oder vollständig auf die Sozialversicherungssysteme verlagert, insbesondere auf die gesetzliche Rentenversicherung. Ziel der Unternehmen ist es häufig, auf diese Weise Überkapazitäten abzubauen und Qualifizierungsmaßnahmen zu vermeiden, die bei älteren Beschäftigten als kostenintensiv gelten. Ein Vorruhestand erspart betriebsbedingte Kündigungen, Abfindungen und langwierige Kündigungsschutzverfahren und senkt gerade in Deutschland mit seinem starken Kündigungsschutz die Kosten der Unternehmen für ihren Personalabbau erheblich. Gleichzeitig vermeiden Unternehmen Reputationsrisiken, Konflikte mit Betriebsräten und langwierige Sozialplanverhandlungen.
Fatale Folgen der frühen Rente
Für Enzo Weber, Professor am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, ist diese Entwicklung bedenklich: „Der sozialverträgliche Stellenabbau ist gut gemeint und über Jahrzehnte geübte Praxis. In der derzeitigen Situation ist er aber absolut falsch“, schreibt er in der Neuen Züricher Zeitung. Deutschland durchlaufe eine strukturelle Krise. Um neue Geschäftsmodelle in der Industrie zu entwickeln, brauche es qualifizierte Arbeitsplätze. „Deshalb ist es wichtig, ihr Potenzial zu erhalten und sie für neue Aufgaben zu motivieren und zu qualifizieren“, sagte Weber. Doch während Politik und Arbeitgeber vehement eine längere Arbeitszeit fordern, toleriert Politik den durch die Rentenversicherung systematisch subventionierten Arbeitsplatzabbau und Arbeitgeber profitieren von der systematisch geleisteten Unterstützung der Rentenversicherung, wenn sie Arbeitsplätze abbauen und langjährige Mitarbeiter ohne große Kosten in die Rente entlassen können.
