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Veränderungen bei medizinischen Hintergründen und Krankheitsmustern auf den Todesbescheinigungen geben der Suizid-Statistik eine neue Aussagekraft.

Statistik berücksichtigt veränderte Krankheitsmuster:

„Unterschiedliche Lebenssituationen“ führen in den Freitod

von Wieland Simon
6. März 2026
0

In Franken sterben jährlich dreimal mehr Menschen durch Selbstmord als bei Unfällen im Straßenverkehr. Tendenz steigend: In fünf Jahren um 20 Prozent 1). Diese statistischen Zahlen stehen für 2.990 Männer und Frauen, die in Nordbayern zwischen 2019 bis 2024 den Freitod suchten. Aus unterschiedlichen Gründen, wie die amtliche Todesursachenstatistik berichtet, die vor fünf Jahren in Bayern begonnen hat, auch alle auf der Todesbescheinigung dokumentierten medizinischen Angaben auszuwerten.

Amtlich wird das so formuliert: „Seit 2020 zeigt sich jedoch wieder ein deutlicher Anstieg. 2020 lag die altersstandardisierte Rate bei 11,0, 2021 bei 11,4, 2022 und 2023 jeweils bei 12,8 und 2024 schließlich bei 13,0 Suiziden je 100.000 Einwohner“. Im Kleingedruckten erzählt die amtliche Todesursachenstatistik jedoch mehr als nur eine Geschichte steigender Fallzahlen. Neben der unmittelbaren Todesursache werden jetzt auch Erläuterungen auf den Todesscheinen ausgewertet, wodurch präziser als bisher auch Motive, Muster, Unterschiede und Hintergründe zu erkennen sind.

Zunächst ist der Anstieg der Suizidzahlen nicht allein mit der Zunahme assistierter Suizide erklärbar. Zwar ist deren Zahl seit der rechtlichen Zulassung im Jahr 2020 deutlich gestiegen – von den ersten neun Fällen in Bayern im Jahr 2020 auf 235 Fälle im Jahr 2024. Insgesamt 551 Fälle im Zeitraum 2020 bis 2024. Im Jahr 2024 war damit etwa jeder achte Suizid ein assistierter Freitod. „Doch auch die konventionellen Suizide nahmen zu, so dass mehrere Faktoren – darunter gesellschaftliche Krisen, psychische Belastungen und demografische Entwicklungen – eine Rolle spielen dürften“, berichtet Dr. Andrea Buschner vom Bayerischen Landesamt für Statistik.

 

 

Zunächst ist der Anstieg der Suizidzahlen nicht allein mit der Zunahme assistierter Suizide erklärbar. Zwar ist deren Zahl seit der rechtlichen Zulassung im Jahr 2020 deutlich gestiegen – von den ersten neun Fällen in Bayern im Jahr 2020 auf 235 Fälle im Jahr 2024. Insgesamt 551 Fälle im Zeitraum 2020 bis 2024. Im Jahr 2024 war damit etwa jeder achte Suizid ein assistierter Freitod. „Doch auch die konventionellen Suizide nahmen zu, so dass mehrere Faktoren – darunter gesellschaftliche Krisen, psychische Belastungen und demografische Entwicklungen – eine Rolle spielen dürften“, berichtet Dr. Andrea Buschner vom Bayerischen Landesamt für Statistik.

Hintergrund

Die Entwicklung seit 2020 ist daher nicht nur eine Frage steigender Zahlen, sondern die Statistik berücksichtigt erstmals auch eine Veränderung der medizinischen Hintergründe und Krankheitsmuster, die auf den Todesbescheinigungen sichtbar werden. Genau hier liegt die besondere Aussagekraft der multikausalen Todesursachenstatistik: Sie zeigt, dass hinter dem statistischen Anstieg unterschiedliche Lebenssituationen, Krankheitsverläufe und Entscheidungsprozesse stehen – mit entsprechenden Konsequenzen für Prävention, Versorgung und gesellschaftliche Debatten.

Bei den konventionellen, also nicht assistierten Suiziden handelt es sich überwiegend um Männer: 75 Prozent dieser Todesfälle entfallen auf sie. Das Durchschnittsalter liegt bei 58,3 Jahren. Besonders auffällig ist die hohe Bedeutung psychischer Erkrankungen: In 67,7 Prozent der Fälle ist auf der Todesbescheinigung eine psychische Erkrankung dokumentiert. Männer wählen dabei am häufigsten das Erhängen, während Frauen häufiger Selbstvergiftungen wählen.  Andere Erkrankungen – etwa des Kreislaufsystems oder Krebserkrankungen – sind deutlich seltener der Grund. Aus Sicht der Todesursachenstatistik zeigt sich hier ein Muster, bei dem psychische Leiden die zentrale medizinische Vorgeschichte bilden.

Ein anderes Bild ergibt sich bei den assistierten Suiziden mit Unterstützung eines Arztes. Hier sind 63 Prozent der Verstorbenen Frauen, und das Durchschnittsalter liegt mit 75,7 Jahren deutlich höher. In 79,3 Prozent der Fälle sind Vorerkrankungen dokumentiert. Besonders häufig finden sich bösartige Krebserkrankungen, Krankheiten des Nervensystems – etwa Parkinson oder ALS – sowie Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems. Psychische Erkrankungen spielen demgegenüber eine wesentlich geringere Rolle. Der assistierte Freitod ist insbesondere bei Frauen stark gestiegen und stellte 2024 mit rund 27 Prozent die häufigste Suizidmethode bei Frauen dar; bei Männern lag der Anteil bei knapp 7 Prozent

Aus Sicht der Todesursachenstatistik lassen sich somit zwei deutlich unterscheidbare Gruppen erkennen: Auf der einen Seite überwiegend Männer mittleren Alters mit häufig dokumentierten psychischen Erkrankungen, die einen konventionellen Suizid begehen. Auf der anderen Seite überwiegend ältere, häufig schwer körperlich erkrankte Personen – mehrheitlich Frauen –, die sich für einen assistierten Suizid entscheiden.

1)Wichtige Hinweise:
Die in dem Bericht genannten Zahlen für Franken sind hochgerechnete Schätzwerte, basierend auf:

  • amtlicher Bevölkerung je Jahr
  • bayerischer Suizidrate je 100.000 Einwohner

Da keine offiziellen Suizid-Fallzahlen für die Regierungsbezirke vorliegen, ist dies eine proportionale Modellrechnung — keine exakte amtliche Statistik. Die Ergebnisse dienen der qualitativen Einordnung regionaler Größenordnungen.

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