Der Boden unter unseren Füßen ist Privatbesitz – und zugleich eine Ressource, von der das Leben in der gesamten Gesellschaft abhängt. Landwirte entscheiden, was sie anbauen und wie sie ihre Äcker bewirtschaften. Doch ob unsere Böden auch für kommende Generationen fruchtbar bleiben, kann nicht allein deren Verantwortung sein. Eine Studie mit fünf möglichen Entwicklungen in der deutschen Landwirtschaft zeigt: Technik allein wird die Probleme nicht lösen. Gefordert sind Politik, Verbraucher und Gesellschaft – und ein anderes Verständnis darüber, was landwirtschaftlicher Boden eigentlich wert ist.
Boden lässt sich besitzen, kaufen und verkaufen. Seine Funktionen aber reichen weit über die Grenzen eines Grundstücks hinaus. Boden speichert Wasser, filtert Schadstoffe, bindet Kohlenstoff, ist Grundlage unserer Lebensmittelproduktion und bietet Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) berichtet, dass bereits 61 Prozent der Böden Europas als degradiert gelten. Intensive Bewirtschaftung, Klimawandel und die steigende Nachfrage nach Biomasse für Nahrung, Energie und Rohstoffe erhöhen den Druck auf die Landwirtschaft weiter. Damit stellt sich zunehmend auch eine gesellschaftliche Frage: Wie müssen wir heute mit unseren Böden umgehen, damit darauf auch unsere Enkel und Urenkel noch Lebensmittel erzeugen können?
Mit 94 Beteiligten aus Landwirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft entwickelten Forscher der Leibniz-Gesellschaft fünf mögliche Szenarien für Deutschland bis 2050. Diese zeigen, wie unterschiedlich sich politische, wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen auf Landwirtschaft und Boden auswirken können.
Fünf Wege in die Zukunft
Szenario 1: Der nachhaltige Pfad verbindet Umweltschutz, Kreislaufwirtschaft und technischen Fortschritt. Politische Förderung und ein hohes Umweltbewusstsein unterstützen eine Landbewirtschaftung, welche die natürlichen Bodenfunktionen erhält. Böden speichern mehr Kohlenstoff und Wasser, filtern besser und bleiben Lebensraum für Pflanzen und Tiere.
Kastentext mit Rahmen
Szenario 2: Der Pfad des langsamen Wandels entspricht stärker der heutigen Entwicklung. Die Landwirtschaft bleibt marktorientiert, Umweltstandards verändern sich langsam, technische Verbesserungen steigern die Ressourceneffizienz. Es gibt Fortschritte, doch das Potenzial noch möglicher nachhaltiger Bodenbewirtschaftung wird nicht ausgeschöpft.
Kastentext mit Rahmen
Szenario 3: Der nationale Pfad setzt auf stärkere Selbstversorgung und intensive heimische Produktion. Internationale Zusammenarbeit und technologischer Fortschritt nehmen ab. Die höhere Produktionsintensität führt dazu, dass sich zahlreiche Bodenfunktionen verschlechtern. Das Szenario zeigt einen wichtigen Zielkonflikt: Wer Ernährungssicherheit durch immer intensivere Nutzung heimischer Flächen erreichen will, gefährdet langfristig gerade deren Grundlage gefährden.
Kastentext mit Rahmen
Szenario 4: Der gespaltene Pfad zeichnet eine Landwirtschaft in zwei Welten: Große Betriebe produzieren günstige Lebensmittel für den Massenmarkt, kleinere ökologische Betriebe hochwertige Produkte für zahlungskräftigere Verbraucher. Nachhaltigkeit droht damit zur Frage des Einkommens zu werden; unter der dominierenden intensiven Produktion leidet die Bodenqualität.
Kastentext mit Rahmen
Szenario 5: Der Hightech-Pfad setzt auf Präzisionslandwirtschaft, Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Robotik. Wasser, Dünger und Pflanzenschutzmittel können effizienter eingesetzt werden. Doch Technik ersetzt teilweise natürliche Regulationsmechanismen. Vielfältige Fruchtfolgen, Agroforst und Landschaftselemente verlieren an Bedeutung; selbst die Kohlenstoffspeicherung kann unter Druck geraten.
Kastentext mit Rahmen
Hauptautor Lukas Bayer fasst die zentrale Erkenntnis zusammen: „Technologische Lösungen wie Präzisionslandwirtschaft oder digitale Werkzeuge können die Bodenbewirtschaftung effizienter machen.“ Doch: „Ohne politische Weichenstellungen und gesellschaftliches Engagement werden selbst die besten Technologien nicht ausreichen, um die Böden langfristig zu erhalten.“
Der Bauer entscheidet – aber nicht über die Bedingungen
Damit führt die Studie zu einem entscheidenden Punkt: Landwirte entscheiden über ihre Flächen, aber nicht allein über die Bedingungen, unter denen sie wirtschaften. Boden- und Pachtpreise, Agrarsubventionen, Umweltauflagen, Anforderungen des Handels, Verbraucherpreise und Investitionskosten beeinflussen, welche Form der Bewirtschaftung wirtschaftlich möglich ist. Die Studie betrachtet Landwirtschaft deshalb ausdrücklich als System, in dem Technologie, Bodenökosystem, Betriebswirtschaft, Bewirtschaftung und Produktion voneinander abhängen. Und damit öffnet sich ein Widerspruch: Verbraucher und Handelsketten drängen Landwirte über niedrige Marktpreise zu möglichst kostengünstiger Produktion, während die Gesellschaft die Bauern zugleich für Humusaufbau, Wasserrückhalt, Artenvielfalt, Klimaschutz und langfristige Bodenfruchtbarkeit verantwortlich macht. Wer gesellschaftliche Leistungen erwartet, muss Bedingungen schaffen, unter denen sie sich für die Landwirtschaft wirtschaftlich tragen.
Bodenschutz hat einen Preis
Ein fruchtbarer Acker ist Produktionskapital des Landwirts, erfüllt Leistungen für die Allgemeinheit. Ein gesunder Boden speichert Wasser, vermindert Erosion, bindet Kohlenstoff und erhält seine Ertragsfähigkeit. Ein Teil dieses Nutzens schlägt sich jedoch nicht im Preis von Weizen, Kartoffeln oder Zuckerrüben nieder. Daraus entsteht ein ökonomischer Widerspruch: Der Betrieb trägt Kosten einer nachhaltigeren Bewirtschaftung, während ein Teil ihres Nutzens der Allgemeinheit zugutekommt. Die Studie diskutiert deshalb eine stärkere Honorierung solcher Leistungen. Die ZALF-Presseinformation nennt vier Ansatzpunkte: Agrarsubventionen stärker an nachhaltiger Bodenbewirtschaftung ausrichten, in bodenschonende Technik und Infrastruktur investieren, vielfältige Fruchtfolgen, Agroforst und Mischkulturen fördern sowie das gesellschaftliche Bewusstsein für gesunde Böden stärken. Auch Verbraucher tragen Verantwortung. Wir können höhere Umweltstandards, regionale Produktion, vielfältige Fruchtfolgen und besseren Bodenschutz verlangen – oder Lebensmittel ausschließlich danach auswählen, wer sie am billigsten produziert. Auf Dauer passen diese Ansprüche nicht zusammen. Die fünf Szenarien zeigen gerade, dass die billigste Produktion kurzfristig wirtschaftlich attraktiv sein kann, ihre langfristigen Folgen für Boden, Wasserhaushalt oder biologische Funktionen aber nicht im Preis des Lebensmittels erscheinen müssen.
Es geht nicht um Landwirtschaft nach Vorschrift
Die Konsequenz kann dennoch nicht sein, Bauern künftig von Politik oder Gesellschaft vorzuschreiben, wie sie ihre Felder im Einzelnen bewirtschaften sollen. Standortkenntnis, Erfahrung und unternehmerische Verantwortung bleiben unverzichtbar. Die gesellschaftliche Aufgabe liegt darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen die langfristige Erhaltung des Bodens auch wirtschaftlich sinnvoll ist. Dazu gehört, Zielkonflikte auszusprechen: Wir wollen bezahlbare Lebensmittel, regionale Produktion, hohe Umweltstandards, Klimaschutz und Biodiversität – und zugleich wirtschaftlich lebensfähige landwirtschaftliche Betriebe. Das alles ist nicht zum Nulltarif zu haben. Darin liegt die zentrale Aussage der Studie: Eine nachhaltige biobasierte Produktion kann nicht durch technologische Innovation allein erreicht werden. Notwendig sind politische Reformen, institutionelle Veränderungen und gesellschaftliches Engagement für den Erhalt der Böden.
Damit unsere Enkel noch ernten können
Die Szenarien reichen bis 2050. Beim Boden müssen die Landwirte weiterdenken. Schäden entstehen über Jahrzehnte und lassen sich häufig nicht innerhalb weniger Jahre rückgängig machen. Wenn unsere Böden auch in 80 Jahren noch Lebensmittel hervorbringen sollen, müssen Erosion und Verlust organischer Substanz begrenzt, Bodenleben und Bodenstruktur erhalten, Wasseraufnahme und -speicherung verbessert und landwirtschaftliche Systeme widerstandsfähiger gegen Hitze, Trockenheit und Starkregen werden. Vielfältige Fruchtfolgen und andere bodenschonende Bewirtschaftungsformen können dazu ebenso beitragen wie moderne Technik.
Vor allem aber muss sich diese Landwirtschaft wirtschaftlich tragen. Agrarförderung müsste stärker Leistungen honorieren, die Böden langfristig produktiv halten. Verbraucher und Lebensmittelwirtschaft müssen akzeptieren, dass nachhaltige regionale Produktion ihren Preis hat. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie müssen Bauern künftig ihre Böden bewirtschaften? Sondern: Was sind uns als Gesellschaft Böden wert, auf denen auch unsere Enkel und Urenkel noch Lebensmittel erzeugen können? Die Äcker mögen einzelnen Landwirten gehören. Ob sie fruchtbar bleiben, geht uns alle an.
Quellen
Der Text basiert auf einer Zusammenfassung einer Studie der Leibniz-Gesellschaft, die auch die Bilder zu den fünf Szenarien zur Verfügung gestellt hat:
Wie sieht die Zukunft unserer Böden aus? Fünf Szenarien für nachhaltiges Bodenmanagement in Deutschland bis 2050
Projektpartner dieser Studie sind:
- System Dynamics Group, Universität Bergen, Norwegen
- Agricultural and Food Policy Group, Thaer-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin
- Researchpreneurs, Heilbronn
- Nordic Agroecological Research Centre, Malmö, Schweden
- Department of Environmental Systems Sciences, Universität Graz, Österreich
- Fakultät für Landschaftsmanagement und Naturschutz, Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde;
DOI-Link zur Originalpublikation:https://doi.org/10.1177/19467567261441553
